Erdogans Truppen greifen Afrîn an und wollen die YPG vernichten

Die Türkei hat nach eigener Angabe mit der Militäroffensive gegen den syrischen Kanton Afrîn im Gebiet Rojava (Demokratische Föderation Nordsyrien) begonnen. Es seien Geschosse über die türkisch-syrische Grenze abgefeuert worden, teilte der türkische Verteidigungsminister Nurettin Canikli mit.

Die Kurdenmiliz YPG spricht von etwa 70 Geschossen, die auf kurdische Dörfer niedergegangen seien. Gegen Mitternacht hätten türkische Militärs mit dem Beschuss begonnen – es sei der schwerste seit der türkischen Drohung, Afrîn anzugreifen.

Warum jetzt diese Attacke, und die vorausgegangene Ankündigung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, Afrîn anzugreifen und die YPG „innerhalb einer Woche“ zu vernichten? Dazu ein Mitglied des Kurdischen Gesellschaftszentrums (NAV-DEM) aus Essen: „Erdogan handelt, weil er Angst hat, alles zu verlieren. In Syrien hat er seine Ziele nicht erreicht. Kobanê und Cizire anzugreifen traut er sich nicht, denn diese beiden Kantone Rojavas sind mittlerweile zu stark. International hat er sich isoliert. Ich bezweifle allerdings ob er mit seiner jetzigen Operation Erfolg hat.“

Neben innenpolitischen Problemen in der Türkei, wie der großen Unzufriedenheit der Massen über explodierende Preise, ist der Bruch des sogenannten Vertrags von Astana ein weiterer Grund. In diesem Vertrag hatten die Staaten Türkei, Russland und Iran die Aufteilung eines Nachkriegssyriens beschlossen.
Die Erdogan-Regierung hielt sich nicht an ihre Zusagen, bis zum 25. Dezember 2017 gegen die in der Region Afrîn operierenden Verbände der faschistischen Al-Nusra-Front vorzugehen. Daher begannen Einheiten aus syrischer und russischer Armee – unterstützt von Schergen der Hisbollah-Miliz aus dem Libanon, die vom Iran bezahlt werden – militärisch gegen die Region Idlib in Syrien vorzugehen. Damit die Türkei nicht ins Hintertreffen gerät, muss Erdogan jetzt mit Angriffen auf Rojava punkten.

Von Anfang an hatte das Regime in Ankara eine Doppeltaktik gefahren: Zu Beginn der Militäroperation „Schutzschild Euphrat“ hatte Erdogan noch populistisch erklärt, er würde mit dieser Operation gegen die kurdischen „Terroristen“und gegen den IS vorgehen. Nur – wie oben am Beispiel Al-Nusra-Front zu sehen, ist das türkische Militär in der kompletten Zeit des Einsatzes nicht gegen die in diesem Gebiet operierenden faschistischen Mörderbanden vorgegangen.

Im Gegenteil hat sich die türkische Regierung schon während des Kampfs um Kobanê von 2014 bis 2015 als Unterstützer des IS herausgestellt. Nachdem Erdogan auch jetzt nicht gegen die Faschisten vorgeht, gegen die Verbände der YPG/YPJ und der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) aber mit voller Härte, bleibt von den markigen Ankündigungen nur noch der Kampf gegen die Feiheitskämpfer aus Rojava übrig.

Der US-Imperialismus wiederum versucht die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), deren aktiver Kern die YPG/YPJ sind, für seine imperialistischen Ziele im Nachkriegssyrien zu missbrauchen. So wurde bekannt, dass die USA eine kurdisch dominierte Grenztruppe in Syrien aufbauen will. Erdogan ließ noch am selben Tag über seinen Sprecher erklären, dass sei nicht hinnehmbar.

Indirekte Schützenhilfe leistet die deutsche Bundesregierung. Vor kurzem trafen sich Bundesaußenminister Sigmar Gabriel und sein türkischer Kollege Mevlüt Çavuşoğlu, um die Beziehungen – auch im rüstungstechnischen Bereich – wieder zu festigen. Als ein Signal von Berlin nach Ankara kann man es deuten, wenn am vergangenen Wochenende die Polizei auf Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Lenin-Liebknecht-Luxemburg-Demonstration losging und Demonstrantinnen und Demonstranten wegen des Tragens von Fahnen mit dem Konterfei Abdullah Öcalans verhaftete. Oder auch bei der heutigen heftigen Polizeiaktion gegen das „Demokratische Gesellschaftszentrum der Kurdinnen in Hamburg e.V.“ am Steindamm. 20 Polizisten brachen gewaltsam die Eingangstür auf, durchsuchten die Räume und beschlagnahmten Material, Transparente und Fahnen. Glastüren eines Schrankes wurden zerbrochen und Einrichtungsgegenstände auf den Boden geworfen. Die fadenscheinige Begründung: Ein kurdischer Demonstrant mit einer Öcalan-Fahne hätte angegeben, diese Fahne im kurdischen Verein erhalten zu haben.

Morgen finden in unterschiedlichen Städten weltweit Protestdemonstrationen statt.

Heute kamen in Hamburg Hunderte Menschen am Hauptbahnhof zusammen, um ihre Solidarität mit dem Kanton Afrîn und ganz Rojava zum Ausdruck zu bringen. Immer wieder wurden die Parolen „Bijî Berxwedana Afrînê“ (Es lebe der Widerstand von Afrîn) und „Bi can, bi xwîn em bi te re ey Afrîn“ (Mit unserem Herzen und unserer Seele sind wir bei dir, Afrîn) gerufen. Die Demonstrationsteilnehmer/innen appellierten an alle Menschen aus Kurdistan und die demokratischen Kräfte in Europa, sich auf die Seite Afrîns zu stellen und ihre Aktivitäten gegen die türkischen Angriffe zu verstärken.

Infos aus RF-News, Tagesschau, kurdische Nachrichtenagentur ANF , #AfrinNotAlone

Creative Commons Lizenzvertrag